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Autor: Andrea Walter

Europa erlebt, laut Amnesty International, gerade die größte Flüchtlingswelle seit dem Zweiten Weltkrieg. Tausende Menschen sind auf der Flucht und suchen in der EU Schutz und Asyl. Zugleich ist der Rechtspopulismus in Europa wieder auf dem Vormarsch – eine Richtung geprägt vor allem von Vorurteilen, Verallgemeinerungen und Unwissen welche zum Teil irrationale Ängste schüren. In Frankreich oder Belgien sind die ultrarechten Parteien bereits im Mainstream angekommen und die sozialen Netzwerke Europas sind überschwemmt mit nationalsozialistischem und rassistischem Gedankengut, das sich nicht nur gegen Menschen anderer Rasse, sondern auch gegen Menschen mit homosexueller Orientierung richtet. Häufig zeigen Rechtspopulisten auch eine hohe Affinität zu Verschwörungstheorien und zu esoterischem Gedankengut. Fest verankerte Vorurteile bilden hierbei häufig die Wurzel. Der rechtsextreme Verschwörungstheoretiker Dr. Axel Stoll („Ich habe nichts gegen Neger. Jeder sollte einen besitzen dürfen.“ „Magie ist Physik durch Wollen“) ist eines der skurrilsten Beispiele unserer Zeit.

Ausländer gefährden unser Land. Frauen können nicht Auto fahren. Männer sind unsensibel. Blondinen sind dumm. Südländer sind besser im Bett. Wer keinem dieser Gedankenmustern unterliegt, dem sei zu gratulieren. Allerdings gehören diese Menschen eher der Minderheit an. Fast jeder Mensch hegt Vorurteile. Beim Anlegen der Denkschablone saugt das Gehirn auf, was das Umfeld herzugeben hat. Dabei sind die Häufigkeit und die gefühlte Intensität des Erlebten wichtiger als der Wahrheitsgehalt der Information. Gerüchte und Meinungen Gleichgesinnter werden kaum auf deren Realitätsbezogenheit und Wahrheitsgehalt hin überprüft. Ein Beispiel:  Sprechen die Medien nach einem Terroranschlag wiederholt von einem Attentäter aus dem Islam, so wird das Gehirn diesen Zusammenhang auch in anderen Situationen abrufen. Informationen, die dem erlernten widersprechen, behagen nicht. Sie werden als Ausnahme betrachtet oder sind die Grundlage von verschiedensten, weiterführenden Verschwörungsgedanken: „Die (Pharmakonzerne, Lebensmittelindustrie, Illuminaten, Politiker, Außerirdische etc.) versuchen uns zu täuschen, zu manipulieren und zu hinters Licht zu führen.“ Eine Faktenresistenz hat sich eingestellt.

Vorurteile haben nichts mit der Realität zu tun. Sie sind Übergeneralisierungen, die unserem Gehirn dabei helfen, bei der Informationsverarbeitung Zeit und Energie zu sparen. Sie sind Wahrnehmungsfelder der gesellschaftlichen Dimension die in assoziativen Netzen abgespeichert werden und uns jedoch das soziale Zusammenleben erschweren. Die Schablonen des menschlichen Denkens werden bereits früh in der Kindheit zurechtgeschnitten und gehören zu unserer Entwicklung. Kinder brauchen sie zunächst um die unbekannte Welt um sich herum zu ordnen, sie zu unterteilen in Gut und Böse, in Schwarz und Weiß. Mädchen sind ordentlich und brav. Buben spielen nicht mit Puppen und ärgern gerne die Kindergärtnerin. Dieses Denken gibt Kindern Sicherheit. Assoziation ist hierbei das Schlüsselwort. Erst im Vorschulalter sind Kinder in der Lage ihre Umwelt rationaler zu erforschen und Dingen auf den Grund zu gehen. Da haben sich Vorurteile jedoch häufig bereits verankert und bilden den Nährboden für spätere Ängste, dem Ignorieren von Fakten, für Verschwörungstheorien oder für Diskriminierung und Rassismus. Die Anfälligkeit für falsch hervorgerufene Assoziationen lässt keine zuverlässigen Rückschlüsse auf Bildung und Intelligenz ziehen. Kinder aus bildungsnahem Umfeld denen ein breites Spektrum an Informationen und Erfahrungen angeboten wird, gelten jedoch als weniger anfällig für unreflektiertes Denken.

Sind Vorurteile und Denkmuster erst einmal verinnerlicht, ist es schwer sie wieder loszuwerden. Rasch übernehmen sie in unserem Gehirn die Kontrolle im Informationsverarbeitungsprozess und bestätigen sich so immer wieder selbst. Was mit unserem Bild übereinstimmt registrieren wir rascher und intensiver und es gewinnt an Gewicht. Wir fühlen uns bestätigt. Wer sich diesen Verzerrungsvorgängen bewusst ist, kann diese zwar nicht gänzlich unterdrücken, aber womöglich können Entscheidungen und Beurteilungen verantwortungsbewusster und rationaler getätigt werden.

Dr. Axel Stoll oder Jan Van Helsing (alias Jan Udo Holey „Vor 15 Jahren wurde massiv versucht, die Wahrheit zu unterdrücken. Nun kommen die Fakten aus erster Hand ans Licht. Ein Hochgradfreimaurer packt aus.“) – beide Verschwörungstheoretiker der rechtsextremen, esoterischen Szene (Braunesoteriker) sind interessante Beispiele für die Verbindung zwischen rassistischen Vorurteilen und esoterischem Aberglauben, auf welchen man in den rechtspopulistischen Netzwerken immer wieder stößt. Auch H.C. Strache (Bundesparteiobmann der FPÖ mit nationalsozialistischem Gedankengut) verbreitet in den sozialen Netzwerken diverse Verschwörungstheorien („Ich möchte die Existenz von Chemtrails nicht beurteilen.“ „Ich glaube, dass es mächtige Einflusssphären, Geheimdienste und kapitalkräftige Konzerne gibt, die versuchen, sich abzusprechen. Was ist daran so abwegig?“) und reiht sich in die Gruppe der rechten Weltverschwörungstheoretiker ein. Ich möchte darauf hinweisen, dass ein abergläubischer, esoterischer Mensch natürlich nicht automatisch der rechten Szene zuzuordnen ist. Allerdings bildet das Ziehen falscher Schlüsse durch fehlerlernter Assoziationen auf beiden Seiten den Kern der Problematik. Die Entwicklung des Verhältnisses beider Begriffe zueinander wurden philosophisch bereits in Schriften von Immanuel Kant (+1804, Philosoph der Aufklärung) erörtert. Ein wesentlicher Aspekt des Aberglaubens, welcher wiederrum die Basis vieler esoterischer oder religiöser Weltanschauungen ist, ist – ebenso wie bei Vorurteilen –  die menschliche Neigung, dort einen Zusammenhang zu unterstellen wo zwei zufällige Ereignisse zusammentreffen und bedeutungsvolle Gründe hineinzuprojizieren. Neuropsychologische Experimente haben gezeigt, dass der Aberglaube einer übertriebenen Bereitschaft unterliegt, Assoziationen zu bilden. Ist man bereit daran zu glauben, dass es Unglück bringt einer schwarzen Katze zu begegnen, wird man auch bereit sein, jegliches zeitnahe Übel damit in Kausalität zu bringen. Man spricht hierbei von der sogenannten selbsterfüllenden Prophezeiung. Aberglaube und Vorurteil sind auf demselben Grundgerüst des Lernens aufgebaut: Der Assoziation. Die Assoziation ist dienlich und wichtig, denn sie verbindet Ursache mit Wirkung. Doch dabei sollte nicht vergessen werden, dass unser Gehirn uns manchmal täuscht. Nämlich dann, wenn die gefühlte Erfahrung  keinem logischen Zusammenhang zugrunde liegt und Irrationalitäten zum Endprodukt falscher Assoziationen werden, denen Fakten und Logik machtlos unterliegen.

Quellen:

http://www.nature.com/news/how-the-brain-views-race-1.10886

https://de.wikipedia.org/wiki/Kritik_der_Urteilskraft

http://derstandard.at/2000010452767/Strache-will-Existenz-von-Chemtrails-nicht-beurteilen

http://nslbuch.de/

https://www.psiram.com/ge/index.php/Braune_Esoterik

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6 Kommentare zu “Die trügerische Assoziation: Vorurteil und Aberglaube

  1. Pingback: Das Geschäft mit der Scheinmedizin | Science, Sex, Skurriles und Skeptizismus

  2. Damit hast du einen – vielleicht sogar den wichtigsten – Aspekt zum Umgang mit Individuen, die mit rechtspopulistischer Propaganda zugemüllt werden, sehr gut umrissen.
    Meiner Meinung nach wird viel zu häufig nur auf das hier und jetzt geschaut und zu wenig auf die Denkstruktur des Gegenübers eingegangen. Ich selber versuche es, da wo es mir möglich ist und ich etwas über die Vergangenheit – gerade die Umfeld in der Jugend – des anderen weiß. Das ist leider viel zu oft viel zu wenig.

    Ich selber sitze ja nun seit 93 in Sachsen und kann sehr gut beurteilen, wie es gerade hier zu so extrem vielen Menschen mit eben dieser subtilen Xenophobie kommt.
    Ein großer Teil der Nazis, die hier jetzt (wieder) verstärkt Brandanschläge verüben, ist die zweite Generation. Man hat hier Jahrzehnte der ersten Generation von Nazis (Gerade der NPD um Holger Apfel und den freien Kameradschaften) einfach das das Feld bei der Jugend überlassen und sogar versucht durch das stärken eines eigenen Sächsischen Chauvinismus durch den damaligen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf noch empfänglich für all diesen braunen Mist gemacht.
    es gab hier Zeiten, da war die NPD die stärkste Partei bei den Erstwählern und zu erwartenden Erstwählern in der Sächsischen Schweiz – wozu z.B. auch Heidenau gehört.

    Jetzt ernten wir hier das, was nach der deutschen Wiedervereinigung gesät wurde und müssen damit rechnen, daß auch in den nächsten Jahren noch einiges nachkommt.

    Leider zeigen die etablierten Parteien hier keine Einsicht und erzählen gebetsmühlenartig, daß das alles nur ein kurzer, durch die Flüchtlinge ausgelöster Hype sei. Dem ist aber nicht so und deshalb befürchte ich, ist auch kein wirkliches Ende in Sicht…

    P.S.: Das ist jetzt zwar nicht Österreich, aber ein konkretes Beispiel .

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