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Autoren: Andrea Walter und Dr. Michael Jachan

Prelude: Es gibt nur eine Wirklichkeit, und diese ist verbindlich für das ganze Universum. Unser Gehirn ist ein Rekonstruktionsapparat, es rekonstruiert, auf seine individuelle Weise, einen Teil dieser Wirklichkeit. So mag jeder in seinem Kopfe haben, was er will und kann, aber folgende Tatsache bleibt bestehen: Es gibt nur eine Wirklichkeit, und diese ist verbindlich für das ganze Universum.

Es gibt nichts Einfacheres als ein Fahrrad zu fahren. Wir allen lernen es, wir alle können es und wir alle werden diese erworbene Fähigkeit nie wieder verlieren, so sagt man. Also, würdet ihr mir glauben, wenn ich euch erzähle, dass es da ein ganz bestimmtes Fahrrad gibt – eines, das euch die Fähigkeit des Fahrradfahrens, so wie ihr es in eurer Kindheit gelernt habt, nimmt? Ich garantiere euch: The Backwards-Brain-Bike will break your brain!

Bei diesem Rad ist nichts so wie wir es kennen. Zwei kleine Zahnräder sorgen für eine Richtungsumkehr im Lenker. Lenkst du nach rechts, fährt es nach links – und umgekehrt. Kaum einer der erwachsenen Probanden kann sich bei den ersten Versuchen länger als 2 Sekunden halten. Bei Kindern sieht dies, aufgrund der höheren Neuroplastizität anders aus. Während sich Erwachsene, mit ihren bequem gewordenen Synapsen und Nervenzellen, schwer neuen Umständen anpassen können, und somit Monate brauchen, um die ersten Meter mit dem diesem speziellen Rad zu überwinden, haben Kinder das Backwards-Brain-Bike schon binnen 2 Wochen im Griff. Vielleicht sollen Erwachsene Stützräder an das Backwards-Brain-Bike schrauben. Aber Achtung: Bist du erst einmal Herr über das Backwards-Brain-Bike, wird dein altes Rad zuhause im Fahrradraum, dich gnadenlos zu Boden stürzen lassen. Die gute Nachricht daran: Lange Zeit galt das Hirn eines Erwachsenen als starr festgelegtes, fix verdrahtetes Organ, doch diese aufregenden, wissenschaftlichen Experimente beweisen das Gegenteil!

Versuche wie mit dem Backwards-Brain-Bike sind der Wissenschaft nicht unbekannt. Seit Jahrzehnten gibt es erstaunliche Experimente in der Hirnforschung. Als ein Beispiel möchte ich die Umkehrbrille erwähnen.

Die Umkehrbrille

In den 1950ern wurde schon ein ähnliches, aber viel einfacheres, Experiment designed: Die Umkehrbrille von Prof. Dr. Theodor Erismann.

Theodor Erismann begründete die sog. „Innsbrucker Schule der Wahrnehmungspsychologie“. Hier wurden auf seine Initiative Versuche mit Prismen-, Farb- und Umkehrbrillen durchgeführt, mit denen die Anpassung der menschlichen Wahrnehmung an ungewöhnliche Umstände, herbeigeführt durch massive Störung der gewohnten Wahrnehmung, überprüft wurde. Die „Methode der künstlichen Störung“ war bis dahin kaum experimentell und schon gar nicht langzeitlich eingesetzt worden. Ebenso wurden von ihm das Raumerleben geburtsblinder Personen (wieder in Hinblick auf eine allgemeine Theorie der Raumwahrnehmung), der Orientierungssinn der Blinden und viele anderen Wahrnehmungsprobleme behandelt. (Wikipedia)

Das Experiment lief über 10 Tage. Einen sehr sehenswerten Dokumentarfilm von damals wird vom Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie an der Universität Würzburg („Die Umkehrbrille und das aufrechte Sehen“ Wien 1950 Erismann/Kohler) zur Verfügung gestellt.

1. Stadium (1. – 3. Tag)

Unbeholfenheit. Das einfüllen von Tee in eine Tasse, die der Proband hält wird zur Unmöglichkeit. Es wird ihm vorsichtshalber eine Blindenschleife verpasst. Auch die Geschehnisse am Esstisch sind skurril, denn wie fein die Abstimmung sein muss, zwischen dem Winkel des Besteckes und der Bewegungseinrichtung, wird beim Essen deutlich. Nach dem Verzehr von einem Stück Torte sieht es am Tisch aus wie nach einer Tortenschlacht. Begleitet werden die ersten Tage von unangenehmen Erscheinungen und Nebenwirkungen wie Übelkeit und Balancestörung beim Durchqueren des Raumes.

2. Stadium (3. – 5. Tag)

Verbesserung des Verhaltens, trotz gelegentlicher Instabilität. Der Proband darf sich ab nun unter die Fußgängermassen mischen und man kann ihm die Blindenschleife wieder abnehmen. Sein Gangbild ist noch etwas seltsam und wackelig, aber seine Reaktionsfähigkeit nimmt rasant zu. Groß sind die Schwierigkeiten jedoch noch beim gleichzeitigen Koordinieren beider Hände, wie dies etwa beim Drücken von Zahnpasta auf die Zahnbürste der Fall ist. Eine Steigerung erfolgt hierbei nochmals, bei Bewegungen die ohne haptische Anhaltspunkte im freien Raum durchgeführt werden sollten.

Der Clou des Experimentes war es, ihm 2 Köpfe zu zeigen, wovon einer aufrecht, der andere verkehrt rum war. Er konnte schließlich beide Köpfe „aufrecht“ wahrnehmen, aber dennoch nahm er sie optisch als entgegengerichtet wahr. Niemand von uns, ohne diese Brille und ohne der Lernphase, wird je verstehen können, wie sich das anfühlt.

3. Stadium (6. – 10. Tag)

Völlige Sicherheit. Der Proband kann Fahrrad fahren, und das nicht langsam, und malt sogar ein Landschaftsbild.

4. Stadium: Die Brille wird entfernt

Spannend: Er durchleidet das selbe nochmal, er sieht die Welt verkehrt. Aber schon nach wenigen Minuten kann sein Gehirn das wiederfinden, was es ein Leben lang gelernt hat: Oben = oben, unten = unten.

So spannend kann Wissenschaft sein! Doch nun seid Ihr dran: Mit Brille und Fahrrad. „Hals und Beinbruch“, wünsche ich euch!

Für die Zusammenarbeit bei der Ausarbeitung dieses Artikels, danke ich meinem lieben Dr. Michael J., Signalverarbeiter und Softwareentwickler für neurophysiologische Analysesoftware (Elektroenzephalographie, etc.) in Deutschland.

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