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Autor: Andrea Walter

Als ich heute in meinem Kalender ein wenig zurückgeblättert habe, bin ich daran erinnert worden, was die Natur vor etwa 1,5 Milliarde Verrücktes erfunden hat, nämlich den Sex.

„Sex was first thought to be obvious: because we have sex, it must mean it is good, perhaps the best possible.”

Sex gehört zu den größten Interessen der menschlichen Gesellschaft. Kaum etwas, außer dem Tod vielleicht, wurde so umfassend tabuisiert und ist gleichzeitig so dauerpräsent wie der menschliche Geschlechtstrieb und sein Praktizieren. Das Sexangebot ist überdimensional geworden. Doch in der Tiefe betrachtet stellt nicht nur die neueste Dildo-Fernsteuerungs-App eine Kuriosität dar, sondern der Geschlechtsverkehr an sich. Wie sah wohl die Pro/Contra Liste der Natur aus, als sie sich für Sex entschieden hat? Und welche Funktion hat eigentlich der Orgasmus, abgesehen davon, dass er uns glücklich macht?

Machen wir eine kleine Reise in die Vergangenheit. Sehen wir uns an, wie Mutter Natur in ihrem Büro sitzt, den Notizblock fürs Brainstorming vor sich liegen, die Nummer vom Patentamt bereits angewählt. Das Hauptargument für Sex war wohl, dass Sex die Überlebenschancen steigert, denn das genetische Erbgut wird, anders als bei der Zellteilung, von Generation zu Generation neu durchgewürfelt, was die genetische Vielfalt erhöht. Dies wiederrum ermöglicht den Lebewesen, sich besser an veränderte, bedrohliche Umweltbedingungen anzupassen. Der nächste Schritt in der Evolution ist die Entwicklung von Fortpflanzungszellen, den sogenannten Keimzellen, die sich mit der Zeit in zwei Geschlechter aufspalten, nämlich in Eizellen und Spermien. Und Sex hat sich durchaus als Erfolgsmodell etabliert, nicht nur im Erotikfachmarkt und in der Pornoindustrie, immerhin pflanzen sich heute 99,9 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten auf diese Weise fort. Denn, obwohl die Fortpflanzung auch ohne Sex möglich ist, liegt der entscheidende Vorteil in der Stärkung des Organismus im Abwehrkampf gegen Krankheitserreger und Parasiten. Je schneller sich der Organismus von Generation zu Generation wandeln kann, je vielfältiger seine Zellstruktur, desto schwieriger wird es für Bakterien und Viren in seine Zellen einzudringen und ihn zu zerstören. Sex ist hier die effektivste Methode. Hurra!

Gehen wir zusammen wieder ein Stück in die Gegenwart. Die Natur hat soweit alles in die Wege geleitet. Frau, Mann, tiefe Blickes – na, ihr wisst schon. Welche Funktion hat denn nun der Orgasmus, biologisch betrachtet?

Dass Sex in irgendeiner Weise Wohlbefinden auslösen sollte, um zu funktionieren, ergibt biologisch erst einmal Sinn, denn wer gerne Sex hat, tut es auch häufiger und produziert mehr Nachkommen. Der Orgasmus ist eine neurophysiologische Reaktion auf sexuelle Stimulation, sofern sie einigermaßen gut durchgeführt wurde, selbstverständlich. Sex ist also Kopfsache, wenn auch nur teilweise dem Bewusstsein hörig. Unkontrollierte Muskelspasmen sind es, die uns beim Kommen herrlich zucken und beben lassen. Dabei ist die Funktion des männlichen Orgasmus klar, denn der männliche Samenerguss ergibt biologisch betrachtet natürlich Sinn. Aber wie sieht es mit dem weiblichen Orgasmus aus?

„Female orgasm has been discussed and analyzed to death, and it may well appear that there is nothing new to say.“

Wie sich der männliche vom weiblichen Orgasmus gefühlsmäßig unterscheidet, vermag leider wohl niemand von uns verstehen. Weitgehend herrscht die Ansicht, dass der männlicher Orgasmus kürzer, jedoch explosiver sei und leichter erreicht werde, während der weibliche Orgasmus länger und intensiver sei. Frauen haben ebenso wie Männer, die Fähigkeit des Ejakulierens und sie haben es leichter multipel zu kommen. Klingt wie ein klarer Vorteil für die Frauenwelt, die kommt weil sie will, im Gegensatz zum spießig funktionellen Ejakulieren der Männerwelt. Ein multiples Hurra für die Frauen!

Unter dem Bombardement von sexuellen Reizen, gibt es für das Tier Mensch kein Halten mehr. Eine dienliche Funktion für die Fortpflanzung. Doch die Arterhaltung in ihrer Urfunktion spielt beim modernen Homo sapiens kaum noch eine Rolle, denn heute streben wir nach Lust und Befriedigung. Sexualforschungen am Robert-Koch-Institut haben ergeben: “Was die Leute im Bett tun, ist das gleiche wie vor Jahrtausenden, nur die Bewertung darüber hat sich verändert.“ Eine interessante These, halten wir uns doch für außerordentlich experimentierfreudig und für aufgeschlossener als unser Vorfahren.

Dabei waren gerade die alten Griechen Meister der Lust, der offenen Orgien und der Sinnlichkeit. Auch am Hofe Karls des Großen wurde viele Jahre später abends bei Besäufnissen öffentlich sexuell verkehrt. Nicht viel anders sah es in den Klöstern aus. Im 12. Jahrhundert scharten sich Minnesänger vor den Betten ihrer Auserwählten – Gang Bang, würde man dies heute nennen. Noch im 14. und 15. Jahrhundert vergnügten sich Männer und Frauen im „Badehaus“ – damals ganz normal, heute alles eine eigene Kategorie auf YouPorn. Reformation und Humanismus änderten am bunten und öffentlichen Sexualtreiben nur wenig. Zahlreiche Volksliederbücher des 16. und 17. Jahrhunderts würde man – umgemünzt auf die heutige Zeit – ins ÖKM verbannen.
Ende des 18. Jahrhunderts folgte eine Tabuisierung der Moralisten, welche alles Sexuelle durch Begriffe aus Flora und Fauna ersetzten. Von Lust war erst einmal keine Rede mehr.
Erst eine politische Umwälzung brachte zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Veränderung, also nämlich die Erotik die Bühnen eroberte. Der Plan der Natur war eh und je ein Selbstläufer!
Was den einzelnen von uns rasch zum ersehnten Höhepunkt bringt, ist oft – simpel ausgedrückt, eine Modeerscheinung. 1877 berichtete eine französische Zeitung von einem Gärtner, der sich in die Statue der Venus von Milo verliebt hatte, sich erregt an rieb, an ihr roch und sie zu penetrieren versucht. Danach tauchten überall „Statuenschänder“ auf, die sich in Parks oder in Museen an kaltem Marmor verlustierten. Ein paar Jahrzehnte später war dieser sexuelle „Trend“ wieder vorbei.

Viele der heutigen Sextrends werden von Sexualwissenschaftlern als ebenso kurzlebig eingeschätzt. Wenn wir überall mit Leder, Gummi, Bondage und Swingen konfrontiert sind, finden dies viele von uns spannend und wollen es ausprobieren, doch die meisten davon werden zum Standardprogramm zurückkehren. Und die Natur hat uns, zum Praktizieren des Standardprogramms ohne Hilfsmittel, von Kopf bis Fuß, mit vielen schönen Körperteilen ausgestattet, die der erfolgreichen Fortpflanzung mehr als hilfreich sind. Dem gut ausgefeilten Plan der Natur steht somit weitgehend nichts im Weg, abgesehen von uns selbst. Manchmal.

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