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Autor: Andrea Walter

Viele skurrile Trends kommen aus Asien. Man denke an Mok Bang oder dem Kochtrend mit Kondomen. Heute wird es unheimlich, denn die neuesten japanischen Trendspiele „Creepy Games“ sind mehr als nur kleine Onlinespiele für Zwischendurch, denn bei diesen Spielen wird mit Geistern gespielt.

Elevator Game heißt eines dieser realen Horrorspiele. Der Mythos um dieses Spiel besagt, man könne mit dem Aufzug in eine andere Welt gelangen, wenn man bestimmte Anweisungen befolgt. Es heißt, man müsse ein Gebäude mit mindestens 10 Stockwerken aufsuchen und in dessen Aufzug in einer bestimmten Reihenfolge die Knöpfe drücken um in die jeweiligen Stockwerke zu fahren. Dabei, so heißt es, müsse man alleine sein. Das Betreten des Fahrstuhles einer Person würde das Ritual umgehend unterbrechen. Das Ziel des Spieles ist es, in einer Art Parallelwelt oder Geisterwelt zu landen – in einer Welt, die eine exakte Kopie der realen Welt ist. Um wieder in die reale Welt zurückkehren zu können, müsse das ganze Ritual rückwärts ausgeführt werden, allerdings – so besagt der Mythos – würden unsichtbare Mächte Gedächtnisverlust und Orientierungsverlust verursachen, welche die Rückkehr erschwert.

Ein weiteres angesagtes Spiel ist das sogenannte „Daruma San“ – ein Ritual, das in der Badewanne ausgeführt wird. Das Ziel des Spieles ist es, einen Geist herbeizurufen, der einem in den darauffolgenden Tagen folgt. Es gilt den Geist zu meiden und zu verhindern von ihm gefangen zu werden. Begonnen wird dieses Spiel in der Badewanne, wo mit geschlossenen Augen in einer Art Mantra immer wieder die Worte „Daruma San fiel hin“ wiederholt werden müssen. Der Mythos besagt, dass man sich beim Wiederholen der Worte vorstellen müsse, wie eine japanische Frau in der Badewanne auf einen rostigen Wasserhahn stürzt und sich dabei tödlich verletzt. Nach und nach, so heißt es, würde man Schwingungen im Wasser wahrnehmen, welche die Anwesenheit des Geistes ankündigen würden. Dabei dürfen die Augen auf keinen Fall geöffnet werden. Bei richtigen Ablauf des Rituals soll hinter einem der Geist einer verrotteten Frau auftauchen, der am darauffolgenden Tag mit einem ein tödliches „Fangen-Spiel“ spielen will.

Diese Spiele sind nicht die einzigen Horrorspiele die japanische Jugendliche spielen. „Hitori Kakurenbo“ (Versteckspiel mit einem Geist) oder das seltsame Toilettenspiel „Hanako San“ sind ebenfalls Spiele mit denen Geistern beschworen und vermeintliche Portale zu Anderswelten geöffnet werden. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Wer sich bei der Vorstellung an diese creepy games gruselt, dem sei gesagt, dass die Realität hinter diesen Spielen oft viel erschreckender ist. Aber warum  haben japanische Jugendliche einen so großen Hang zum Okkultismus? Ein Grund ist vermutlich der große Leistungsdruck unter dem japanische Schüler stehen. Die schulischen Anforderungen sind groß und der Schulalltag, sowie Klubaktivitäten und Sport nehmen einen enormen Zeitraum in Anspruch. Für viele Schüler endet der Schultag erst ab 22 Uhr. Der Wunsch nach Gruppenzugehörigkeit wird bei den japanischen Jugendlichen besonders hochgeschrieben. Konkurrenzkampf und Mobbing unter den Kollegen ist emotional vernichtend, denn das Einschreiten der Pädagogen bleibt zumeist aus, und die Mobbing-Prävention und psychologische Beratungsstellen stehen erst an ihren Anfängen. Viele Jugendliche leiden in der Folge an Depressionen und Suizidgedanken. Erst seit 2012 – nach Anlaufen einer Anti-Selbstmord-Kampagne und diversen Präventionsmaßnahmen seitens der Regierung, ist die Suizidrate gesunken. Depressionen stellen aber nach wie vor ein Tabu in der Gesellschaft dar und bleiben eine größtenteils untherapierte, heimliche Qual der Betroffenen. Gedanken an eine „Anderswelt“ und an okkulte Rituale stellen für viele eine Art Flucht vor der Realität dar. Alles erscheint erstrebenswerter als das Hier und Jetzt.

Doch die Folgen der okkulten Rituale sind vielleicht noch drastischer als angenommen. Zwischen 2012 und 2014 stürzten sich in Tokio insgesamt 3 Jugendliche von den Hochhausdächern. Zumindest bei einer von ihnen soll das „Aufzugspiel“ eine Rolle gespielt haben. „Meine Schwester war fest davon überzeugt die Rückkehr in die echte Welt nicht geschafft zu haben, und sich nun in einer Parallelwelt zu befinden. Sie hatte Panik und litt nach Durchführen des Rituals an wahnhaften, völlig verrückten Vorstellungen.“ schreibt der Bruder eines der betroffenen Mädchen, welches sich abends nach Schulschluss unerwartet das Leben nahm, auf Facebook. Alle 3 Jugendlichen sollen unter Depressionen und unter Panikattacken gelitten haben. Bei meiner Recherche bin ich auf mehrere Foren gestoßen, in denen Jugendliche ihre „Aufzugsspiel“- Erfahrungsberichte schildern. Angst und Irritation sind häufig die Folgen des Rituals. Viele sind danach davon überzeugt, dass etwas nicht stimmt und suchen Hilfe und Rat bei anderen Betroffenen.

Auch im mysteriöses Tod der Elisa Lam, deren Leiche im Wassertank des Cecil Hotels in Los Angeles gefunden worden ist, kam die Frage auf, in welchem Zusammenhang das Aufzugsritual gestanden haben könnte. Die kanadische Studentin, die an einer bipolaren Störung gelitten haben soll, ist 2013 auf unbekannte Weise in einen der Wassertanks auf dem Dach des umstrittenen Cecil Hotels gelangt, wo sie ertrunken sein soll. Das Überwachungsvideo des Hotelaufzuges, auf dem Elisas seltsam gestikuliert ist eines der größten Rätsel in diesem Todesfall bei dem nach wie vor ungeklärt ist, ob es sich beim Tod um Mord oder Selbstmord gehandelt hat.

Dieses Überwachungsvideo des Fahrstuhles zeigt die letzten Lebensstunden von Elisa Lam.

Zu denken gibt der jüngste Mord an der Okubo Elementary School in der südjapanischen Stadt Sasebo im Sommer 2014. Die mutmaßliche, 16-jährige Täterin hat ihre Klassenkameradin zunächst mit einem Metallgegenstand geschlagen, teilten die Ermittler mit. Anschließend soll sie ihr Opfer gewürgt und zerstückelt haben. Die Leiche war demnach mit abgetrenntem Kopf und abgetrennter linker Hand in ihrer Wohnung gefunden worden. Die Motive hierfür sind unklar, allerdings kursierte auf Facebook rasch das Gerücht, die jugendliche Mörderin wäre nach einem Trauma hinsichtlich der Trennung ihrer Eltern, in den Wahn geschlittert von Geistern und Dämonen verfolgt zu werden, nachdem sie okkulte, japanische Rituale zelebriert hat. Bereits im Jahr 2004 hat an derselben Schule ein grausamer Mord stattgefunden. Die damals 11 jährige Nevada-tan soll ihre Mitschülerin in der Pause mit einem Teppichmesser aufgeschlitzt haben. Die Motive hinter dem Mord sollen beleidigende Äußerungen seitens des Opfers an die Täterin gewesen sein, und auch hier soll die Täterin eine Affinität zum Okkultismus gehabt haben. Auch die Legende des sogenannten „Red Room“ soll in diesem Sasebo Slashing-Fall eine Rolle gespielt haben. In dieser Legende geht es um ein Mädchen, das im Internet surft, als sich plötzlich ein Popup-Fenster mit einem Flashbanner öffnet. Eine Stimme im Popup-Fenster fragt: „Magst du ihn?“. Das Mädchen versucht das Fenster zu schließen doch es öffnet sich immer wieder. Zuletzt wird gefragt: „あなたは赤い部屋が好きですか – Magst du den roten Raum?“ Von da an, so sagt der Mythos, könne man dem Tod nicht mehr entkommen. Nevada-tan scheint ein Fan der Flash Animation „Red Room“ gewesen sein, wie die polizeilichen Überprüfungen ihres Webverlaufes zeigen sollen.

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Für emotional gefestigte Jugendliche stellen okkulte Rituale meistens kein Problem dar. Vielmehr ergründen sie mit okkulte Riten spielerisch ihre eigene Psyche. Es handelt sich dabei um eine Art Suchprozess und dem Austesten der eigenen Grenzen. Für die meisten von ihnen sind mystische Rituale nicht mehr als ein spannender Zeitvertreib und sie haben kein Problem damit Realität von der „Geisterwelt“ zu unterscheiden. Der Hang zur Geisterbeschwörung wächst sich meist mit dem Ende der Pubertät aus. Wissenschaftliche Erklärungsmodelle können dabei helfen, okkultistische Praktiken zu entzaubern und ihnen den Schrecken zu nehmen, denn das schwingende Pendel beruht ebenso wie die japanischen Rituale „Daruma San“ oder das Aufzugsspiel auf psychischen Automatismen, gesteuert von einer unterbewussten Erwartungshaltung der Praktizierenden.

Problematischer sieht es bei psychisch belasteten Jugendlichen aus. Werden mangelndes Selbstwertgefühl, soziale Ängste, Mobbing-Erfahrungen oder ein problematisches Verhältnis zu den Eltern mit okkulte Handlungen kompensiert, fällt es diesen Jugendlichen schwer wieder in die Realität zurückzukehren. Dabei muss es nicht immer so enden wie im Fall der Sasebo-Slashing Fälle, trotzdem sollten diese Fälle uns daran erinnern, unsere Kinder im Auge zu behalten, wenn sie eine Tendenz zum Gläserrücken, dem Ouija-Brett oder anderen okkulten Handlungen aufzeigen, denn häufig sind die Gründe dafür wesentlich komplexer als es den Anschein hat.

http://www.welt.de/vermischtes/article146644771/Wenn-Schueler-nur-noch-den-Suizid-als-Ausweg-sehen.html

http://www.welt.de/politik/ausland/article112888587/Japan-kaempft-gegen-seinen-selbstmoerderischen-Geist.html

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