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Autor: Andrea Walter

Ein wenig gleicht die Partnersuche im Internet einem Einkauf im Supermarkt, das muss man schon sagen. Der Partner-Handel nennt sich „Websingles“ oder „Parship“, und unter den Markennamen findet man Peter, Kerstin, Ralf oder Gabi. Die Liebe kann 24/7 online geshoppt werden, und was noch vor 10 Jahren ein alternativer Weg in seinen Anfängen war, hat sich heute in Mitten der liebeshungrigen, aber gestressten Gesellschaft stark etabliert, sodass sich heute rund 30% aller Beziehungen im Internet anbahnen.

Doch wie sollte eine gute und effiziente Partner-Shoppingtour verlaufen, und wie sollte er überhaupt sein, der perfekte Partner? Glatt und gerade, von frischem Aussehen, in bester Güteklasse – ganz wie die Norm-Gurken im Gemüseregal! Auf jeden Fall sollte er keine aufgeblähte, große Mogelpackung mit wenig Inhalt sein. Eine gute Kennzeichnung wie „Achtung, dieser potentielle Partner kann Spuren von schlechten Angewohnheiten enthalten.“ sollte Pflicht sein. Aber Achtung, denn der Partner-Handel arbeitet mit hinterlistigen Marketingstrategien, denn er weiß: Eine gute Präsentation der Ware ist das A und O und steigert die Umsätze, denn preisgesenkt und ins richtige Licht gerückt, finden auch glatzköpfige und kleinbusige Ladenhüter mit mittlerem Einkommen, großen Altlasten und dem Hang zum öffentlichen Nasenbohren, letztendlich noch genügend Abnehmer. Nach dem Motto „Ich weiß nicht, wofür ich ihn/sie gebrauchen könnte, aber er/sie kostet ja nicht viel.“ Das Konservieren von potentiellen Partnern durch „Warmhalten“ ist nach der Schnäppchenjagd eine durchaus sehr praktische und gängige Methode. Auf diese Weise, kann man sich einen kleinen Partner-Vorrat anlegen, um gut gewappnet für eventuelle Krisenzeiten zu sein. Der zeitliche Aufwand der „Warmhalt-Methode“ ist gering, denn oft reicht das tägliche Klicken und Versenden von Love-Emoticons aus, um die Sache mit dem potentiellen Partner eine geraume Zeit überdauern zu lassen. Bei Partnern, die dem Überschreiten des Mindesthaltbarkeitsdatums, gefährlich nahe kommen, haben Sparfüchse unter euch die Möglichkeit, sich aus dem Regal einen mit „Halber Preis“ Kennzeichnung, herauszusuchen. Preise und Angebote gut zu vergleichen, lohnt sich auf jeden Fall immer beim Partnershoppen!

Gut, es mag sein, dass ich etwas in die Satire abgedriftet bin. Aber in der Internet-Realität 2.0, wo Freundschaft oft nicht mehr wachsen muss, sondern „herbeigeklickt“ werden kann, wo wir ständig aufgefordert werden den „Gefällt mir“ oder „Gefällt mir nicht“- Button zu drücken, wird eine bizarre und skurrile Welt kreiert. Das „menschliche Überangebot“ kann die selektive Suche zur ewigen Jagd nach surrealen Idealen werden lassen. Wir haben die große Wahl. Wir können uns per Mausklick in einer Sekunde dafür oder dagegen entscheiden. Wir wollen nicht das Gute, sondern das Beste, und selbst das Beste kann sich als nicht gut genug herausstellen, wenn die Frisur beim 1.0 Kaffee-Date nicht sitzt und der Warenkorb noch weitere potentielle, bessere Partner bereithält.

Doch ich möchte die virtuelle Partnersuche keinesfalls schlecht reden. Im Gegenteil, denn die Grenzen zwischen Realität und Cyberspace, im Hinblick auf die Echtheit der Beziehungen, sind vermutlich gar nicht zu ziehen. Es hat sich gezeigt, dass im Internet aufgebaute Beziehungen so echt wie konventionelle Beziehungen sind, da sie ihre anfänglich rein virtuelle Natur oft ziemlich schnell hinter sich lassen, um ein Teil des realen Lebens 1.0 zu werden. Das gezielte in Kontakt treten bietet noch weitere Vorteile. Beim spontanen Kennenlernen, z.B. auf der Straße, verliebt man sich, ist begeistert und angetan voneinander. Dann kommt die Phase der Desillusionierung, in der man beginnt, den Partner so zu sehen, wie er ist, samt seinen Macken, Toilettengerüchen, Unzulänglichkeiten und seiner Fäkalsprache beim Autofahren. Das Trennungsrisiko wächst ab diesem Zeitpunkt. Bei eher rational gesteuerten Beziehungsentscheidungen, wie der selektiven Onlinesuche, scheint es umgekehrt zu laufen. Man stellt zuerst fest, dass man „matched“, dass man dieselben Erwartungen, dieselben Dinge ablehnt, dieselben großen Ziele anpeilt, dass man sich miteinander im Gespräch wohl fühlt, und dann guckt man, ob der Funke überspringt.

Jedoch ist es fraglich, ob die Vernunft-These letztendlich hält was sie verspricht. Denn die Liebe ist kaum rational zu betrachten und verhält sich auch nicht so. Daran werden auch 100 Matching-Punkte in Internet-Profilen schwer etwas ändern. Die Liebe lässt sich bekanntlich selten in die Karten blicken. Um Herauszufinden, ob es knistert hilft nur ein inniger Kuss, so sagt man. Und wenn man irgendwann an dem Punkt der Beziehung angelangt ist, an dem man bei halb offener Toilettentür seine kleine Notdurft verrichtet und sich dieser Akt des Alltagslebens nicht negativ auf die Qualität des täglichen, leidenschaftlichen Kusses mit dem Partner ausgewirkt hat, so hat man es weit gebracht, denn dann handelt es sich vermutlich um Liebe.

Nun, egal ob ihr euer neues Date in der nächsten Kneipe sucht oder online: Ein verantwortungsbewusster, respektvoller Umgang mit dem Gegenüber ist das Wichtigste. Denn Liebe ist selbstverständlich keine Ware, und dem Herzen, das ihr womöglich brecht wenn ihr ohne genaues Hinsehen den „Gefällt mir nicht“ Button klickt, ist kein Reparatur-Kit-Set beigelegt.

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