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sexlos

Autor: Andrea Walter und Leser

Nach dem Veröffentlichen meines Artikels „Wenn Frauen keinen Sex mehr wollen“, habe ich unglaublich viel Feedback von euch bekommen. Ich danke euch für die zahlreichen Nachrichten, die mir Einblicke in eure Beziehungen gewährt haben. Ich habe es mir, wie mit euch besprochen erlaubt, eure Namen, euer Alter sowie eure Erzählungen etwas abzuändern, damit eure Anonymität bewahrt bleibt. Zusammen ist uns ein toller Beitrag gelungen. 😉

Für die meisten von uns gibt es irgendwann im Leben sexlose Phasen in der Partnerschaft. Ob es nun an einer problematischen Schwangerschaft, psychisch bedingter Lustlosigkeit oder an Konflikten in einer Beziehung liegt, solange das Bedürfnis nach dem anderen noch vorhanden ist, und solange man bereit ist gemeinsam für eine erfüllte Beziehung zu kämpfen, ist dies auf jeden Fall ein Zeichen dafür, dass sich die Mühe lohnt.

Natürlich kann eine sexlose Beziehung ebenso erfüllend sein wie jede andere Form der Beziehung, sofern sich alle Beteiligten damit wohl fühlen. Aber machen wir uns nichts vor. All die großen Worte davon, dass Liebe allein ausreichen würde –  all die Worte von Warten, Verzicht, dem Zurückstecken sexueller Phantasien und bedingungsloser Treue in einem Lebensabschnitt, in dem die sexuellen Bedürfnisse noch längst nicht in Rente gegangen sind, können die eigenen Triebe zumeist nicht dauerhaft klein reden.

Doch was soll man tun, wenn der Partner einfach keine Lust mehr auf Sex hat? Wenn keine körperliche Nähe vom Partner mehr erwünscht wird oder man sie selber nicht mehr wünscht? Wohin mit der aufgestauten Lust und der Sehnsucht nach Nähe, Haut, Intimität und Körperkontakt. Ist es verwerflich eine Beziehung „nur“ wegen fehlendem oder unerfülltem Sex zu beenden?

Versteht mich nicht falsch. Ich spreche nicht von einem Langzeitkrankenhausaufenthalt oder von anderen Phasen oder Lebensabschnitten in der Sex zwangsläufig an Relevanz verliert. Ich spreche von erloschener, körperlicher Liebe bis hin zur körperlichen Ablehnung des Partners. Sich trennen, wäre die logische Schlussfolgerung, aber für viele Paare stellt eine Trennung keine Option dar. Für gemeinsame Kinder, Gewohnheiten, religiöse Zwänge, gebuchte Urlaube, ein gemeinsames Unternehmen, das gemeinsame Konto, den gemeinsamen Hund, Verarmungsängste, die Angst den Partner zu verletzten, die Trauer um die gemeinsame Vergangenheit, die Furcht vor dem Alleinsein oder die Angst vor den Reaktionen der Familie und des gemeinsamen Umfeldes, stecken viele den Wunsch nach Trennung zurück. Vielen Menschen klappt das über Jahre, bei manchen vielleicht sogar ein Leben lang.

„Ich konnte am Ende nicht mehr mit ihm schlafen. Schon in den letzten 10 Jahren war der Sex mit ihm eine Qual. Ich wollte ihn nicht mit der Wahrheit verletzen, aber es hat sich jedes Mal wie eine Vergewaltigung angefühlt.“ hat eine Leserin, die sich schlussendlich nach fast 20 Jahren Ehe von ihrem Mann getrennt hat, eben per Facebook PN geschrieben.

Sie wirkt angeekelt sobald ich sie anfasse. Früher hatten wir wenigstens einmal im Monat Sex. Irgendwann nur noch 1 Mal im Jahr, und seit 6  Jahren läuft gar nichts mehr. Nichts! Sie meidet es mit mir alleine zu sein. Seit Jahren ist das nun schon so. Ich ertrage es nicht mehr.“ Hat mir ein männlicher, anonymer Leser (52) gemailt. „Ich besuchte einige Male ein Bordell und bei den letzten Besuchen hatte ich nicht einmal mehr ein schlechtes Gewissen. Aber der Sex mit Prostituierten ist auch keine Erfüllung. Ich sehne mich nach dem Gefühl begehrt zu werden. Meine Frau sagt ich sei zu triebgesteuert und oberflächlich und sie erwartet, dass ich mich zusammenreiße. Ich kann sie nicht verlassen. Wir sind gerade Zwillingsgroßeltern geworden. Mit einer Trennung von meiner Frau würde ich vor allem meiner Tochter das Herz brechen.“

Ich bin kein Befürworter des ständigen Partnerwechsels und des raschen Schlussmachens. Gerade wenn man ein gemeinsames Leben aufgebaut hat und eine gemeinsame Verantwortung trägt, muss ein Schritt in Richtung Trennung wohl überlegt sein. Im besten Fall natürlich stellt man vor der gemeinsamen Lebensplanung fest, dass die Chemie nicht stimmt, aber nicht immer lässt das Leben mit sich planen, und „hätte“ und „wäre“ sind nichts als Inschriften auf dem Beziehungsgrabstein.

Wenn jeder sexuelle Akt für den einen Partner wie eine Qual ist und der andere Partner an dieser Form der Ablehnung zerbricht, so wie mir das einige meiner Leser geschildert haben, dann ist es an der Zeit der Wahrheit ins Auge zu sehen, dass mindestens einer von beiden in dieser Beziehung nie mehr glücklich sein wird. Die beste Mediation oder Paartherapie schafft es nicht an Stellen Gefühle und Begierden wachsen zu lassen, wo einfach keine sind. Viele Paare sehen eine Lösung im Führen einer offenen Beziehung, bei der dem Partner sexuelle Freigänge zugestanden werden. Auch wenn das Begehren am Partner bereits lange erloschen ist, stellt diese Form der offenen Partnerschaft für viele jedoch keine Option dar. Besitzansprüche, sowie festgefahrene moralische Aspekte sind oft ein Hindernis. Ist heimliches Fremdgehen in so einer Situation verwerflich? Und sollte man in diesem Zusammenhang eigentlich nicht endlich auch mal offen die Frage aufwerfen, ob es nicht ebenso verwerflich ist, dem Partner jegliches Bedürfnis nach sexueller Erfüllung zu verwehren?

Angela (35):“Er hätte im Handstand mit Überschlag zwischen meine Beine springen können. Er hat sich so bemüht, aber er hätte nichts tun können um mich zu erregen oder mein Interesse an ihm zu wecken. Sex mit ihm war in den letzten Jahren nur noch eine Sache die ich über mich ergehen hab lassen…meistens aus schlechtem Gewissen und dem Druck zu müssen um nicht verlassen zu werden.“

 

Martin (38):“Ich war sexuell so frustriert, dass ich es in Kauf genommen habe sie zu f*, auch wenn mir bewusst war, dass sie keinen Lust auf mich hat und froh darüber ist, wenn ich fertig bin. Sie hat ihre Lustlosigkeit auf mich oft auf angebliche Schmerzen, Blasenentzündungen, Kopfschmerzen usw. geschoben, aber ich wusste instinktiv schon damals, dass das alles nur Ausreden waren.“

Ich habe in einem meiner Artikel die These aufgestellt, dass viele der sogenannten auseinandergelebten Beziehungen in Wahrheit am Sex gescheitert sind. Allerdings ist die Formulierung „auseinandergelebt“ verwandtschaftstauglicher als die Wahrheit. „Neue Besen kehren auch nicht besser.“ Oder „Es kommt nie was Besseres nach.“ Sind einige Floskeln die Trennungspaare von Verwandten und Bekannten zu allem Überfluss auch noch über sich ergehen lassen müssen – Pseudoweisheiten die in etwa so hilfreich sind wie ein Furunkel am Po, um es mal in aller Deutlichkeit zu sagen.

Dazu kommen Vorwürfe oder Drohungen die sich die Partner gegenseitig an den Kopf werfen. Nach der Trennung geht es für viele ab aufs Jugendamt, vor den Richter, auf die Bank – Amtswege die das endgültige Scheitern der Beziehung öffentlich aufzeigen, während vor einem das Loch einer ungeklärten Zukunft klafft. Kein Wunder, dass viele das Thema Trennung lange vor sich her schieben. Eine unglückliche Beziehung lässt sich phasenweise ja auch so gut kompensieren: Freunde, ein neues Auto, sich der Karriere widmen etc. sind Möglichkeiten den Beziehungsfrust in den Hintergrund zu drängen.

Angela: “Er hat mir vorgeworfen unsere Tochter nicht genug zu lieben, wenn ich mich von ihm trenne. Ich fühlte mich wie das größte A*loch, als ich nach 7 Jahren Ehe die Scheidung eingereicht habe, aber ich wäre an der Situation kaputt gegangen. Für ihn muss es doch auch ein Albtraum gewesen sein…“

Wenn die platonischen Gefühle und der Wunsch das Leben ohne innerpartnerschaftlichem Sex gemeinsam zu verbringen, ist die Variante der offenen Beziehung vielleicht ein idealer Lösungsansatz. Ist die sexuelle Freiheit keine Option, dann stellen sich einige Fragen:

*Gehen

*Bleiben (und aushalten)

*Fremdgehen

Fremdgehen ist das Tabu unter den 3 Wegen. Der Fremdgeher bekommt rasch den Stempel des Egoisten aufgedrückt. Bei meinen Austausch mit Menschen, die in einer Beziehungssackgasse stecken, war allerding kaum etwas von Egoismus zu spüren – ganz im Gegenteil. Die Worte meines anonymen Lesers fassen die zwiespältigen Gefühle und die Verzweiflung abschließend besser zusammen als ich es hätte tun können:

Leser (52): “Ich hätte viel lieber mit meiner eigenen Frau geschlafen, als mit anderen – Das kannst du mir glauben. Ich habe mich jahrelang zusammengerissen, aber irgendwann war der Druck so groß, dass ich nur noch das Bedürfnis hatte, endlich mal wieder eine Frau zu spüren. Es ging und geht gar nicht so sehr um Sex, sondern um das Gefühl Berührungen zu spüren. So haben wir beide was wir wollen. Sie hat ihre Ruhe vor meinem sexuellen Verlangen, ich habe gelegentlich Sex und an Sonntagen kommen die Kinder und Enkelkinder zu Besuch und alles ist irgendwie beim Alten geblieben. …Ich bin kein Fremdgeher. Ich hab das Fremdgehen noch vor wenigen Jahren ganz scharf verurteilt und ich will nicht mit Männern, die ihre Frauen just-4-fun bescheißen, in einen Topf geworfen werden.“

Ich: “Geht es dabei auch um das Klischee der Bequemlichkeit?“

Leser: “Nein, meine Wäsche könnt ich mir auch selber bügeln, wenn du das meinst. Ich liebe sie und unsere gemeinsame Familie. Ich würde sie nie verlassen…und irgendwann kommt ja sowieso der Tag, an dem auch bei mir der sexuelle Hahn zugedreht wird. ;)“

Ich: “Und wenn sie dahinter käme, dass du mit anderen Frauen schläfst?“

Leser:“ Dann würde sie mich rauswerfen… aber hochkantig. Ich hoffe nicht, dass sie dahinter kommt. Nicht wegen mir, sondern wegen ihr. Sie ist ihr Leben lang für mich da gewesen. Ich will sie nicht enttäuschen.“

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