Home

universe-782697__180

(Foto: Pixabay) Autor: Andrea Walter

„Österreich ist das Mekka der Esoterik“ habe ich vor wenigen Tagen gelesen. Tatsächlich, denn Österreich sticht gerade in den letzten Jahren immer wieder wegen seines üppigen, esoterischen Marktes hervor: Einhornmedizin, Aura-Schutzspray in Wachauer Souvenirshops, Chemtrailsgläubige Politiker, Pendel- oder Pranaausbildung an den öffentlichen Bildungsinstituten. Esoterische Nahversorger finden sich auch in der tiefsten, österreichischen Provinz – dort, wo man für einen Broteinkauf 10 Kilometer weit fahren muss. Realsatire von Fake zu unterscheiden fällt auf den ersten Blick nicht immer leicht.

Auch Schwangerschaft und Geburt sind bereits stark von Esoterik und pseudomedizinischen, bis zu geradezu pervers-skurrilen Praktiken geprägt. Hat die spirituelle Empfängnisverhütung versagt, wird der Geburtskanal zum mystischen Portal hinromantisiert.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich vor einigen Jahren, am Abend vor meiner Sectio, im Krankenhausbett lag und mir eine beeindruckend nette Hebamme einen kleinen Becher mit einigen Zuckerkügelchen reichte. „Gegen Nervosität, meine Liebe.“ meinte sie. Doch nicht der Gedanke daran, 14 Stunden später, bei vollem Bewusstsein, per Kaiserschnitt nach Misgav-Ladach, ein kleines Mädchen zur Welt zu bringen, machte mich nervös, sondern der Gedanke daran, in wenigen Stunden von der Brust abwärts betäubt und völlig wehrlos auf dem OP Tisch eines Krankenhauses zu liegen, das mich mit den Flyern „Die Vorteile einer homöopathischen Geburts-Nachversorgung“ oder „Spirituell gebären“ empfangen hat.

Dass viele der österreichischen Hebammen eine Affinität zum Spirituellen haben, erkennt man daran, dass eine Vielzahl von auch als Energetikerin arbeitet. Aber spätestens dann, wenn man beim Betreten des Geburtsvorbereitungskurses an der olfaktorischen Wand aus Lavendelduft abprallt und an den grobstofflichen Wänden die Worte „Sanft gebären mit Aromatherapie“ liest, bleiben keine Fragen offen. Die Teilnahmemotivationen der Frauen und Paare reichte – wie sich in einer kurzen Vorstellungsrunde herausstellte –  von esoterisch, religiös geprägten Vorstellungen („Den Geburtsvorgang als Öffnen der göttlichen Blume betrachten“) bis zu einer feindseligen Ablehnung der Schulmedizin („Die sollen ja nicht versuchen, meinem Baby nach der Geburt Vitamin K zu verabreichen.“) Als einzige zukünftige Kaiserschnittmutter in der Runde, erntete ich tröstende Blicke und Worte von tiefem Mitgefühl begleitet, die einer Kondolenz gleich kamen: „Das tut mir so leid für dich“ oder „Da kann man danach alternativ sicher noch vieles machen“ – Worte, die zu diesem Zeitpunkt sogar mich, als Skeptikerin, leicht irritierten.

„Die Geburt ist die Überwindung einer enormen Urkraft mit der Hilfe der Seelenkräfte.“

Die Esoterik schaffte es jedoch, sich immer wieder selbst zu übertreffen. Seriös und kompetent anmutende Webseiten klären die Schwangeren darüber auf, wie sie ihre Aura-Migräne mit Schüssler Salzen behandeln können, wie sie mittels Hypno-Birthing Tiefenentspannung bei der Geburt erlangen oder wie sie mit Nelkenöltampons die Geburt einleiten können. Bis zur Niederkunft des Babys empfiehlt eine Hebamme die Öl-Eiweiß-Kost des Sensei Verlags („Wir sorgen uns um Ihre Gesundheit“), denn die soll angeblich die Mutter der Medizin sein. Ich zitiere: “Am Überleitungstag soll nichts gegessen werden außer 250 g Linomel (Leinsamen-Honig-Granulat von der Firma Flügge). Dazu werden nur frische Säfte getrunken, und zwar frisch gepresste Obstsäfte oder Muttersäfte (ohne Zuckerzusatz).“ Gemeinsam mit einer Hebamme und dem richtigen Ernährungskonzept steht der Geburt des Matrixbabys nun nichts mehr im Weg. Sie haben richtig gelesen – Matrixbaby. Matrixgeburt. Matrixgeburt. So oft ich es auch schreibe – es fällt mir schwer zu glauben, dass dieses Wort auf der Seite einer Hebamme zu finden ist, und nicht etwa aus einem RTL2 Prime Time Blockbuster stammt. Aber es geht auch weniger „wissenschaftlich“: „Ein Lächeln aus der Seele, aus dem goldenen Bauch, mit Unterstützung der Göttinnen, im Rhythmus des Mondes der in der Sonne aufgeht.“ Das Schöne am Beistand der Matrix-Hebamme für alle Interessierten: Die österreichischen Krankenkassen übernehmen bis zu 80% der Kosten für die von einer Superhebamme durchgeführten Geburtsvor- und Nachbehandlung (ebenso für die Behandlung, die von einer ganz normalen Hebamme durchgeführt werden).

Besonders hervor sticht auch die Schweizer Webseite Babyglück. Das Angebot an alternativen Gebärmethoden ist so umfangreich, dass man gar nicht so viel Sex haben kann, wie man Kinder kriegen möchte: Visualisieren, Hypno-Birthing, Lotusgeburt – oder mein persönlicher Geburtsfavorit – Die Delfingeburt. „Während die Vorteile der Wassergeburt entdeckt wurden und der therapeutische Wert der Delphine immer mehr Beachtung fand, entwickelte sich ein Konzept, bei dem Frauen im Wasser gebären, in Anwesenheit von Delfinen, die sie dabei liebevoll unterstützen. Igor Charkovsky leitete ein solches Projekt im Schwarzen Meer. Er beobachtete dabei, dass Delfine die Verbindung zur gebärenden Frau und zum Neugeborenen aufnahmen, teilweise sogar das Neugeborene an die Wasseroberfläche begleiteten, für den ersten Atemzug ihres jungen Lebens.“ (Quelle: babyglueck.ch)

Auch die, von Gynäkologen als gefährlich eingestufte Alleingeburt, wird auf dieser Seite verharmlost und propagiert. „Alleingeburt hat etwas Mystisches, Unfassbares, Eindrückliches und Überirdisches an sich. Als ich zum ersten Mal davon gehört habe, war ich sofort fasziniert und bewunderte Frauen, die so ihr Baby in Empfang nehmen. Ich wusste, es ist die natürlichste, einfachste und für Mutter und Kind erfüllendste Form der Geburt.“ (Quelle: babyglueck.ch) Nach Gefahrenhinweisen sucht man vergebens. Stattdessen werden zu Untermauerung der These, man solle ein Baby auf jeden Fall irgendwo anders, als auf der Geburtenstation entbinden, fragwürdige Studien herangezogen. Die fett gedruckte Schlussfolgerung der Studien: „Die geplanten Hausgeburten beinhalten keine größeren Risiken für Mutter und Kind als die Geburt im Spital. Die Chance, ohne Eingriffe zu gebären, ist zu Hause grösser.“ Frauen, für die aus medizinischen oder persönlichen Gründen ein Kaiserschnitt vorgesehen ist, werden mit einer Reihe empfohlener Literaturtipps abgestraft – darunter „Es ist nicht egal wie wir geboren werden. Risiko Kaiserschnitt.“ Von Michael Odent – dem Begründer der sanften Geburt.

Die Behauptung, dass jede Frau risikolos ohne Arzt und Hebamme ein Kind zur Welt bringen kann, findet man auch im Buch „Alleingeburt“. Sarah S. – der Name ist Ihnen vielleicht seit einigen Jahren geläufig, hat im Januar 2015 ihr 4. Kind in Eigenregie, wie sie es nennt, geboren. Geplant war eine Geburt in der Regentonne, allerdings war der, zum Glück gesunde, Nachwuchs schneller als der Ehemann, der die besagte Regentonne füllen musste. Auf ihrer Webseite findet man detaillierte Berichte zu all ihren Geburten – auch zur umstrittenen Waldgeburt.

Bei einer Geburt kann es unerwartet zu Komplikationen kommen, auch wenn alle Anzeichen für einen problemlosen, gesunden Geburtsverlauf sprechen“, sagt Petra Welskop, Präsidentin des Österreichischen Hebammengremiums. Das sei auch der Hintergrund der „eindeutigen Gesetzeslage“ hierzulande. „Das Hebammengesetz spricht ausdrücklich davon, dass jede Gebärende verpflichtet ist, zur Geburt ihres Kindes eine Hebamme beizuziehen.“ (Quelle: Die Presse)

Aus eigenen Kreisen werden jedoch, trotz aller Gefahren und Risiken, weiter Lobeshymnen auf die in Eigenregie gebärenden Frauen gesungen. – Lobeshymnen für jene Frauen, die im Geburten-Russischen-Roulette zum Glück für alle Beteiligten als Sieger hervorgegangen sind.

Advertisements

2 Kommentare zu “Matrixgeburt und Waldbabys – Die esoterische Romantisierung des Geburtskanals

  1. Pingback: Ich.bin.Energethikerin. | Science, Sex, Skurriles und Skeptizismus

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s