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Autor: Andrea Walter

Beim Wort „vegan“ denken viele sofort an Fleischersatz, blasse Peta-Aktivisten und natürlich an Schwurbelseiten wie „bewusst-vegan-froh“ oder „Zentrum der Gesundheit“. Ich kenne die Szene gut, und teilweise habe ich den Eindruck, dass nicht nur das Grillgut der Veganer alternativ ist, sondern auch deren „Fakten“. Schon seit Langem beschäftige ich mich daher mit der Frage, warum ausgerechnet so viele Veganer so anfällig für esoterischen Glauben sind.

Wenn es um´s Essen geht, lebt jeder Mensch nach seinen eigenen, ethischen Richtlinien. Dabei ziehen die einen die Grenze vor dem Konsum von Fleisch aus Massentierhaltung und andere vor dem Verzehr und dem Konsum tierischer Produkte allgemein. Die vegane Lebensweise wird von vielen Omnivoren belächelt und ist mit einer Menge Vorurteilen behaftet. Als Veganer könne man kaum noch was essen, man müsse sich von Fleischersatzprodukten ernähren und es wäre eine sich selbst kasteiende Form der Askese und der Genussfeindlichkeit, hört man oft. Diese Vorurteile kann ich nicht bestätigen, denn Veganer sind kreative Köche und ihnen steht eine riesige Auswahl an leckeren, edlen Gerichten zur Verfügung. Aber auch in den eigenen, veganen Kreisen beäugt man sich gegenseitig kritisch. Wer lässt sich impfen? Wer wäscht sein Haar gelegentlich mit konventionellen Shampoos? Wer verwendet noch seine alte Ledergeldbörse aus nicht veganen Zeiten? Wer findet gar den Veganer Attila Hildmann gut und verkörpert somit selbst die vegane Lebensweise als halbherzigen, oberflächlichen Lifestyle?

Klar, ‚die‘ vegane Szene gibt es nicht. Trotzdem wird der Veganismus sehr stark von allerlei esoterischen und anti-wissenschaftlichen Theorien dominiert. Das geht von Pseudomedizin wie Homöopathie über krude Pharma-Verschwörungstheorien bis zu gefährlichen Behauptungen wie der, dass Krebs sich mit Kurkuma heilen ließe. Ähnlich sieht es bei der Bio-Bewegung aus. Jeder, der schon einmal ein Reformhaus von innen gesehen hat, weiß was ich meine, denn dort gehören spirituelle Ernährungsratgeber, Engelsessenzen und Wasserbelebungsgeräte zum Standard-Sortiment.

Schon die umstrittene China Studie, der man versuchte einen wissenschaftlichen Anstrich zu verpassen, hat den Veganern nicht unbedingt dabei geholfen ernst genommen zu werden. Mit der Behauptung, der Mensch sei ursprünglich ein Pflanzenesser tut sich die Szene auch keinen Gefallen, denn wir sind evolutionär bedingt Allesfresser, was nicht bedeutet, dass wir auch alles essen müssen.

Grenzen sehe ich überschritten, wenn propagiert wird, sein Kind nicht mit medizinischen Shampoos von Läusen zu befreien oder Kindern anstelle von adäquaten Impfungen mit Zuckerkügelchen oder Algen anzufüttern. Gerade Kinder sind in der veganen Lebensweise ein spezieller Fall. Insgesamt stützt die Szene sich hier auf Anekdoten, denn seriöse, wissenschaftliche Studien, die die positive Auswirkung vom Veganismus auf Kinder bestätigen, gibt es bisher leider nicht! Regelmäßige Blutuntersuchungen sind daher nicht nur bei Kindern dringend empfehlenswert, aber selbst diese werden in der Szene häufig schlecht geredet und abgelehnt. Sollen die Ergebnisse doch  – so glaubt man – im Labor gefälscht werden, um damit den Veganismus zu diskreditieren.

Wo Veganismus zum Dogma geworden ist, sind Fakten unerwünscht. Das hat für mein Empfinden jedoch nichts mehr mit den Gründen zu tun, die für eine weitgehend tierleidfreie Lebensweise sprechen. Dabei gibt es reichlich ethische und ökologische Argumente, die für eine vegane Lebensweise sprechen und die nicht mit Halbwahrheiten, Schwurbeleien und Pseudowissenschaften untermauert werden müssen. Die ethischen und ökologischen Aspekte reichen aus. Jeder Mensch muss letztendlich jedoch für sich die sorgfältige Entscheidung treffen, inwieweit er sich darauf einlassen kann und will.

Das Thema ist wichtig, aber es braucht Klarheit und Wahrheit. Der veganen Szene fehlt es leider oft an beidem. Solange der Veganismus ideologisiert wird und zur Stütze Fakten wie Glutenhähnchen zurechtgeformt werden, wird ein sachlicher Diskurs zwischen Pflanzenfressern und Allesfressern nicht stattfinden.

 

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15 Kommentare zu “Veganismus ohne Esoterik – gibt´s das überhaupt?

  1. Die Frage kann ich mit einem eindeutigen Ja beantworten.
    Allerdings denke ich da eher an einen Teil der „Veganer Szene“, der sich selbst nicht primär als Veganer definiert hat – konkret die Hausbesetzer-/Antifa-/Hardcore Szene, wie ich sie in den 90er kennengelernt habe.

    Es gab zwar auch da bereits Ansätze von intolerantem Dogmatismus, jedoch waren die meisten auch der Selbstreflektion des eigenen Standpunktes fähig.
    Manchmal bedurfte es zwar eines kleinen Anstoßes wie beispielsweise das umbenennen der VoKü in „Zur Salmonelle“ oder die Gründung der „Carnivoren Offensive Ostsachsen“, aber es war möglich!

    Wenn sie mir persönlich zu misionarisch wurden oder als Mitbewohnerinnen meinten meine käuflich erworbenen toten Tiere aus dem Kühlschrank befreien zu müssen, dann haben sich einfach unsere Wege getrennt!

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  2. Es scheint mir, als ob Ernährungsvorschriften und missionarische Religionen einander anziehen, wenn nicht sogar bedingen. Ethisch und ökologisch klingt da viel zu aufgeklärt, gar undogmatisch und das ist nicht im Sinne des Erfinders.

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  3. Andrea, Dein Artikel gefällt mir sehr, weil er unaufgeregt und sachlich daherkommt. Meine Erfahrung mit Vegetariern, und besonders Veganern, ist leider nicht die beste. Ich bin aktive Tierschützerin, kaufe ausschließlich nur von Biobetrieben (geh nicht mal ins Reformhaus, denn da ist auch nicht immer Bio drin, wo Bio draufsteht), esse wenig und selten Fleisch, aber dann sehr gerne. Milchprodukte liebe ich, könnte nie darauf verzichten. Es wird mir abgesprochen, umweltbewusst zu sein, ich bin Tiermörderin, verantwortungslos, Weltzerstörerin und vieles mehr. Es gibt meist keine Versöhnung, keine vernünftige Diskussion dazu. Ich habs zumindest aufgegeben.

    Sonst unterschreibe ich alles aus Deinem Artikel. Es ist eine Weltanschauung, ein Hype, eine Religion – Argumente „Nichterleuchteter“ werden gnadenlos abgeschmettert.

    Aber es gibt auch die sehr seltenen angenehmen Ausnahmen …

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  4. Es kommt immer darauf an, in welchen „Kreisen“ man sich bewegt. Gerade an der Uni gibt es viele Menschen, die sich mit ethischen und ökologischen Fragen beschäftigen und dann z.B. mal ausprobieren, ob vegane Ernährung etwas für sie ist. Manche bleiben vegan, manche Vegetarier, für manche ist es nichts…. aber dieses Umfeld habe ich als sehr offen, tolerant und herzlich unaufgeregt im Umgang mit ihrem Essen erlebt. Von Esoterischem Geschwafel oder Missionarsabeit keine Spur.

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  5. Ich finde den Artikel schwierig, da er leider auf einer Annahme beruht, die nicht gefestigt ist. Welches Paper bestätigt denn glaubhaft und replizierbar, dass es einen signifikanten Zusammenhang zwischen esoterischen/verschwörerischen/geschwurbelten Gedankengut und einer veganen Ernährung gibt, die im Vergleich zu Normalbevölkerung erhöht ist? Ich stimme dem Artikel schon zu, was das ganze Geschwurbel angeht, aber ich glaube hier müsste man noch ein ganzes Stück differenzierter und mit mehr Studien im Hintergrund an die Thematik heran treten, um wirkliche Aussagekraft hinter diesen Text zu bringen.

    Liebe Grüße

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      • Das stimmt. Aber grade, wenn man die Unwissenschaftlichkeit Anderer anklagt und dann eine unspezifische generalisierte Behauptung in den Raum stellt, wie: „Trotzdem wird der Veganismus sehr stark von allerlei esoterischen und anti-wissenschaftlichen Theorien dominiert.“ sollte es, meiner Meinung nach, zumindest eine Quelle geben, die diese Behauptung untermauert. Es reicht ja die bloße Zitierung in Kurzform. Ansonsten wird viel Potenzial, den der Artikel ja durchaus hat, verschwendet.

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      • Man kann Dinge auch verkomplizieren. 😉 Ich fand den Artikel interessant, reflektiert und er spiegelt die Erlebnisse vieler wieder.

        Wenn man immer wissenschaftliche Abhandlungen und Links zu Studien liefern müsste, könnte man doch gar nicht mehr wie hier einfach herrlich spontan über eine Sache berichten.

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      • Natürlich verkompliziert es das Ganze. Allerdings widerspricht der Artikel stark meinen Erfahrungen. Ich habe sehr offenen und überhaupt nicht dogmatische Veganer und Vegetarier kennengelernt, halt auch die, die es einem nicht ins Gesicht reiben. Wunderbare Menschen mit akademischen Abschlüssen und wissenschaftlichem Interesse, keine Spur von Geschwurbel. Die Gegengruppe kenne ich durchaus auch. Allerdings sowohl omnivor, als auch vegetarisch, als auch vegan.

        Ich bin selbst Vegetarier und kenne daher natürlich viele, die auch kein Fleisch essen. Daher finde ich es nicht gut, dass hier keine Meinung alá „Ich finde, dass/ Ich habe die Erfahrung gemacht, dass/ Ich bin vielen Leuten begegnet, die…“ geäußert werden, sondern geschrieben wird, als wären es Tatsachen:
        „Aber auch in den eigenen, veganen Kreisen beäugt man sich gegenseitig kritisch. Wer lässt sich impfen?“
        „Trotzdem wird der Veganismus sehr stark von allerlei esoterischen und anti-wissenschaftlichen Theorien dominiert. Das geht von Pseudomedizin wie Homöopathie über krude Pharma-Verschwörungstheorien bis zu gefährlichen Behauptungen wie der, dass Krebs sich mit Kurkuma heilen ließe.“
        Das finde ich außerordentlich schade.

        Man muss keine Abhandlungen im Netz schreiben, aber man muss mit Kritik rechnen, wenn man unbelegte (und ich muss sagen teils recht beleidigende) Behauptungen über eine Gruppe von Menschen trifft. Das mindeste wäre eine Meinung darzustellen (was ohne Quellen ja völlig legitim ist) und keine generalisierten Aussagen zu treffen.

        Außerdem betone ich das nochmal: Wer auf die Unwissenschaftlichkeit anderer hinweist sollte genau darauf achten, dass er nicht die gleichen Fehler begeht, den gleichen Verzerrungen unterliegt. Stichworte, die mir da in den Sinn kommen und durch wissenschaftliche Quellen zumindest ansatzweise umgangen werden können:
        Halo Effekt (Eine, meist emotionale, Erfahrung überstrahlt alles weitere) /
        Clustering-Phänomene (Man teilt Gruppen ein, wo keine sind) /
        Bestätigungsfehler (Cherrypicking)
        und last but not least eine
        Repräsentativitätsheuristik (Das ist zuviel zum Schreiben 😉 https://de.wikipedia.org/wiki/Repr%C3%A4sentativit%C3%A4tsheuristik)

        Und zu guter Letzt: Liebe Bettina/ Liebe Frau Frank Ich schätze, dass wir uns nicht einig werden. Das müssen wir ja auch gar nicht, ich denke unsere beiden Meinungen zum Artikel haben beide ihre Berechtigung.

        Schöne Zeit! 🙂

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      • Kann es sein, dass Du Dich persönlich einfach zu unrecht kritisiert siehst, da Du offensichtlich vernünftig und ohne zu missionieren mit dem Thema umgehst? Da gebe ich Dir einserseits recht, andererseits lese ich aus dem Artikel weder eine Kritik, noch das Ansinnen auf Wissenschaftlichkeit heraus, sondern sehe ihn als einen Erfahrungsbericht im Umgang mit diesen Gruppen.

        Omnivore erlebe ich persönlch übrigens nie als missionierend, ganz im Gegenteil, die Nahrungsaufnahme ist einfach kein Smalltalk-Thema. Eigentlich ist sie gar kein Thema, außer, man tauscht leckere Rezepte untereinander aus.

        Wir brauchen uns auch nicht einig zu werden, obwohl wir so weit auch nicht voneinander entfernt sind. 😉

        Ebenso eine schöne Zeit. 🙂

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    • Lieber Psylekin,

      die Autorin kennt sich in der veganen Szene sehr gut aus, und hat ihre persönlichen Beobachtungen hier beschrieben. Ich bin auch schon eine Weile in dieswer Szene aktiv und kann nur vollumfänglich bestätigen, dass in der veganen Szene sehr viele (also signifikant mehr als unter den normalen Essern!) eso-Heinis rumlaufen.

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  6. Ich engagiere mich in letzter Zeit, aus der Sicht eines Wissenschaftlers über Tierversuche zu informieren. Warum machen wir die, was bedeutet das für die Tiere, ist es das wirklich wert (ich argumentiere, dass ja). Es gibt dabei Punkte, die ethisch alles andere als trivial sind. Die würde ich gerne mit Tierversuchsgegnern diskutieren. In den allermeisten Fällen finde ich mich aber in Debatten darüber, ob die Pharmaindustrie das lange bekannte Heilmittel gegen Krebs aus Profitgründen geheim hält, die Tierversuchsindustrie (wer immer das sein soll) die viel besseren tierfreien alternativen Methoden aus Profitgründen zurückhält, und beliebig verschwurbelteres Verschwörungsdenken. Riesen Überschneidung mit „alternative Medizin“ Unsinn wie der Leugnung dass Impfen effektiv ist. „Wir brauchen keine medizinischen Tierversuche, wir haben doch schon Homöopathie“
    Ob im Reformhaus auch engelratgeber verkauft werden ist ist ja eher eine sozialwissenschaftliche kuriosität. Aber wenn man eine einflussreiche Szene mit einer weitreichenden politischen Forderung hat (alle Tierversuche abschaffen), die sich gleichzeitig durch verschwörungslogik jeder diskutierbarkeit entzieht, haben wir ein echtes Problem

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  7. „Schon seit Langem beschäftige ich mich daher mit der Frage, warum ausgerechnet so viele Veganer so anfällig für esoterischen Glauben sind.“

    Das interessiert mich. Was ist der Grund? Du schreibst, dass eine Dogmatisierung in der Szene damit zu tun hat, aber wo kommt die her? Kommt man durch beitritt zur Szene mit Esoterik in Kontakt, oder sind vielleicht beide einfach ansprechend für Menschen mit bestimmten persönlichkeitsmerkmalen?

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  8. Stimme dir zu. Du hast das Problem glaube ich sehr gut aufgeschlüsselt. Mich hat es immer verwundert, was bei den Veganern alles schon für wissenschaftlich gehalten wird. Eine gute Bekannte hatte mir als überzeugte Veganerin wissenschaftliche Gesundheits-Fakten auf einer Internetseite präsentieren wollen. Auf den ersten Blick konnte jedoch jeder sehen, dass es sich um reines Werbematerial, Propaganda, handelte, nur sie selbst eben nicht. Auch bei ihr fallen vegane Lebensweise und Esoterik zusammen. Die Erkärung liegt wohl in den Heilsversprechen und Bewusstsein, dass man ein „Auserwählter“ ist. Das schönste Beispiel für Heuchelei in der veganen Szene lieferte sie mir dann, als mir die Life-Style Zeitschrift „vegan“ empfahl. Sie hätte sie bereits im Abo. Ich schaute mir kurz an, welche Zeitschriften das Verlagshaus denn sonst noch so rausbringt – und siehe da, im selben Verlag wurde auch die Zeitschrift „BEEF“ für Liebhaber des blutigen argentinischen Rindersteaks herausgebracht. Ich teilte meiner Bekannten dieses sofort mit, auf eine Antwort darauf warte ich bis heute. Ich bin der Meinung, dass der vegane Lebensstil mit seinen vielen Ersatzprodukten nicht fragwürdig für die Gesundheit ist, sondern auch die europäische Esskultur gefährdet – und ich rede hier nicht von der Currywurst mit Pommes. Nein, ich meine die gehobene Küche, aber auch die einfache Regionalküche Europas. Denn mit den Produkten verschwinden auch die Feste, Riten, Traditionen, nicht zuletzt auch die Arbeitsplätze in diesem Bereich. Wenn Tofu als Fleischersatz für alles dient, wer braucht dann noch Rinder- und Schweinezucht?

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